Ältestes Gaggenauer Fahrzeug im Kurhaus Baden-Baden

Automobil-Experte Michael Wessel (stehend), BKV-Geschäftsführer Stefan Ratzel und die Leiterin des Unimog-Museums, Hildegard Knoop, präsentieren den Orient-Express im Foyer des Kurhauses.      Foto Roland Seiter

Gebaut 1897 in Gaggenau – Konstrukteur ein Baden-Badener

Baden-Baden. Bis 22. Juni ist eine automobile Rarität, der „Orient-Express“, im unteren Foyer des Kurhauses zu bewundern. Dort haben Geschichts- und Automobilbegeisterte Gelegenheit, das inzwischen 121 Jahre alte Fahrzeug in Augenschein zu nehmen.

Das älteste bekannte Fahrzeug aus Gaggenauer Automobilproduktion wurde vor wenigen Wochen aus England zurück an seinen „Geburtsort“ geholt. Das Automobil wurde 1897 unter dem klangvollen Namen Orient-Express in Bergmanns Industriewerken nach Plänen und in Regie des Baden-Badener Ingenieurs und Automobilpioniers Joseph Vollmer gebaut. Laut dem Gaggenauer Experten Michael Wessel ist der Wagen das älteste noch existierende Fahrzeug aus Gaggenauer Produktion.

Viele Knöpfe sind zu drücken und Hebel zu bewegen, um das Fahrzeug in Bewegung zu bringen – Foto Seiter

Die automobile Kostbarkeit ist im Besitz des Unimog-Museums Gaggenau (www. unimog-museum.de). Museumschefin Hildegard Knoop weiß: „Gerade auch, weil wir das Museum erweitern wollen, passt der Wagen sehr gut in unser Konzept. Er ist fahrtüchtig und bereichert unser Museum.“

Selbst das Leder ist noch Original – Foto Seiter

Joseph Vollmer, am 13. Februar 1871 geboren, wuchs in der Baden-Badener Weinbergstraße als Sohn eines selbständigen Schlossermeisters zusammen mit drei Brüdern auf. Er besuchte die Städtische Gewerbeschule, ging nach deren Abschluss 1886 nach Cannstatt und absolvierte dort eine Lehre als Feinmechaniker bei der Maschinenfabrik Esslingen. Gegenüber der Maschinenfabrik arbeiteten Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach an einem Viertakt-Fahrzeugmotor. Vollmer verfolgte deren Versuchsfahrten mit großem Interesse.

Das Fahrzeug hat einen Einzylinder-Motor mit 5,5 PS und ein Riemen-Wechselgetriebe (rechts zu erkennen) – Foto Seiter

Von 1891 bis 1894 studierte Joseph Vollmer am Technikum Mittweida und schloss das Studium als Maschinenbau-Ingenieur ab. Vollmers Karriere als Konstrukteur und Automobilpionier startete 1894 in Gaggenau bei der Firma „Bergmanns Industriewerke“. Sie baute sein erstes Kraftfahrzeug, den Orient-Express, und begründete damit in Gaggenau für über 100 Jahre den Automobilbau.

1897 trat Joseph Vollmer als Gesellschafter in das Berliner Unternehmen „Kühlstein Wagenbau-Gesellschaft OHG“ ein. Dort konstruierte und baute Vollmer mehrere Motorfahrzeuge, die auf der Pariser Weltausstellung 1900 mit Preisen ausgezeichnet wurden. Vollmer wurde Mitglied der technischen Kommission des Mitteleuropäischen Motorwagen-Vereins und außerdem in Berlin, Potsdam und Frankfurt/Oder zum polizeilichen Sachverständigen berufen.

Seit 1901 gab es bei der AEG eine Automobilabteilung. Ab 1902 leitete Joseph Vollmer diese Abteilung, die NAG. Alle Fahrzeuge, die AEG-NAG bis 1906 herstellte, entstanden unter Vollmers Leitung und mit seinen Ideen. Dazu zählte auch der Lastzug „Durch“, der als erster Lastzug der Welt gilt. 1905 heiratete Joseph Vollmer seine Frau Hedwig, geborene Stöhr, mit der er zwei Töchter bekam.

1906 verließ Vollmer die NAG und gründete zusammen mit seinem Freund Ernst Neuberg die „Deutsche Automobil-Construktionsgesellschaft m.b.H. Berlin (DAC)“. Zahlreiche in- und ausländische Fabriken zählten zu den Kunden der DAC, weil viele von ihnen noch keine eigenen Konstruktionsbüros besaßen. Das erfolgreiche Unternehmen konstruierte bis 1936 Fahrzeuge und Motoren und lieferte komplette Werkszeichnungen gegen Lizenzzahlungen. Bis zur Auflösung der DAC wurden Lizenzverträge mit 68 Herstellern von Kraftfahrzeugen und Verbrennungsmotoren geschlossen.

Am Ersten Weltkrieg nahm Joseph Vollmer als Hauptmann teil. Er bemühte sich zunächst um die Einführung des metrischen Systems im Kraftfahrzeugbau. Er zählt mit dieser Arbeit zu den Vordenkern der FAKRA, die in den zwanziger Jahren für eine Typisierung automobiler Baugruppen sorgte, sowie zu den Vätern der deutschen Normung (DIN), damals noch „Normenausschuss der Deutschen Industrie“ (NADI). Anschließend wurde Vollmer mit dem Bau der deutschen Panzer K-Wagen (Großkampfwagen), A7V, LK I und LK II betraut.

Die Erfahrungen mit der Panzerkonstruktion konnte Vollmer nach dem Krieg für die Konstruktion von Landwirtschaftsfahrzeugen, wie die bekannte Hanomag-Raupe, nutzen. Er widmete sich außerdem dem Bau von Nutzfahrzeugen und der Entwicklung des Dieselmotors.

Joseph Vollmer war Inhaber von über 450 in- und ausländischen Patenten und Gebrauchsmustern. Er gilt als einer der zehn herausragendsten deutschen Automobilkonstrukteure. Sein Lebenswerk wurde mit der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande, der Diesel-Medaille und dem Dieselring sowie einer Reihe von Ehrenmitgliedschaften gewürdigt.

Joseph Vollmer starb nach einem Vortrag im Volkswagenwerk am 9. Oktober 1955 in Braunschweig. 2005 benannte seine Heimatstadt Baden-Baden eine Brücke nach ihm: Die „Joseph-Vollmer-Brücke“ liegt zwischen der Europastraße/B500 und der Schwarzwaldstraße, direkt an der Tourist-Information.

Mehr über Joseph Vollmer im Buch von Gisela Zincke: „Joseph Vollmer – Konstrukteur und Pionier“, erschienen 2001. Die deutschsprachige Ausgabe ist vergriffen. Die englische Fassung ist noch erhältlich über www.buchundbild.de

Pressemeldung der Stadt Baden-Baden – Roland Seiter – 30. Mai 2018

Und hier das Fahrzeug in seiner ganzen Pracht! – Foto Wessel

 

 

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